Fragt man die KI, was ein Stiftsgeist sei, so erhält man die knappe Antwort, dass der Begriff die besondere Atmosphäre und Verbundenheit an einer traditionsreichen Bildungseinrichtung oder einem Stift bezeichnet

Nicht falsch, aber ziemlich witzlos, wie es für die KI üblich ist.

In der Tat, Stift Keppel ist eine traditionsreiche Einrichtung. Wer eine Antenne dafür hatte, konnte den Stiftsgeist wahrnehmen. Wie aber nimmt man einen „Geist“ wahr? 

Manchmal sind Menschen von einem „Heiligen Geist“ beseelt. Jener Geist weht wo und wann er will. Er selbst ist nicht unmittelbar greifbar, zu verorten, dennoch wie ein Luftzug spürbar und wirkmächtig. Was das betrifft, sei vielleicht an das biblische Pfingstwunder (Apostelgeschichte 2,1–4) erinnert, als die Jünger in Jerusalem zusammenkamen und plötzlich ein heftiges Brausen vom Himmel herabkam. Der Heilige Geist erfüllte sie.

Nicht nur im frommen Glauben ist ein Geist gegenwärtig. So gibt’s profan den „Klassengeist“, den „Sport- und Mannschaftsgeist“, kurz auch „Teamgeist“ genannt. Natürlich gibt’s ihn auch in negativer Konnotation, den „Ungeist“, den „Unruhegeist“, „Konkurrenzgeist“, den „Geist der Missgunst“ etc. Schließlich gibt es den „Flaschengeist“ oder wie es einst in einem alten Schlager hieß: 

Wenn der böse Weingeist den Papa in das Bein beißt,
schaukelt er hin, schaukelt er her,
der Papa ist voll, die Brieftasche leer.
Schon schaukelt er hin, schon schaukelt er her...

Oh ja, geistige Getränke, die sogenannten „Spirituosen“ können sehr wirkmächtig sein und mitunter üble, krawallige Geister entfachen.

Nun aber speziell zum Stiftsgeist. Wo soll er wirken? Vom Namen her kann er‘s nur in unserer Schule tun.

Auf Neudeutsch spricht man von der corporate identity, vom Selbstbild, das man auch in Keppel pflegte. Der besondere „Stiftsgeist“ umweht als guter Spirit schon seit langem die altehrwürdige Institution. Seit dem 16. Jahrhundert gab es dort ein Collegium virginum nobilium, eine höhere Töchterschule, seit den letzten 150 Jahren eine Lehranstalt mit Internat und einem angeschlossenem Lehrerinnenseminar, dann ein Lyceum, eine sog. Frauenoberschule, und nach 1945 ein Gymnasium, seit 60 Jahren nicht nur für Mädchen, sondern auch für Jungen. Und eben dort in dem historischen Gemäuer soll ein unfassbares Geistwesen herumgeistern. Unsichtbar aber spürbar, für die Schüler:innen zu abstrakt vielleicht. Doch eines Tages, vor etwa 20 Jahren, erschien der vielbeschworene „Stiftsgeist“ tatsächlich. Die Erinnerung daran in poetischer, schlichter gesagt, gereimter Form:

Wenn es im Stift zur halben Nacht

Im Dachgebälk und auf dem Boden 

Mitunter knarrt und knirscht und kracht,

Wer fragt da nicht: „Wieso denn?“

Ein Geist gehört zum alten Haus,

Darüber ist man sich im Klaren.

Der geht zur Nachtzeit ein und aus

Seit Hunderten von Jahren.

Doch als es selbst am hellen Tage

Schon rumpelte zur Morgenzeit,

Da stellte sich die bange Frage:

Ist es wieder mal soweit?

Die dort lernten, wandten kreidebleich

Sich an den Lehrer, was er meine, 

Wenn es so knarrt, ob denn da gleich

Der Geist käm’ und erscheine.

Gelassen zeigte dieser sich,

Obwohl es sich nicht leugnen ließ,

Dass über ihnen etwas schlich,

So wie ein Stiftsgeist täte dies.

„Ach was, der Stiftsgeist ist das nicht!“

Und wie sie es befürchtet hatten,

Kaum dass der Lehrer widerspricht,

Schon lösten sich die Deckenplatten.

Als angstvoll sie nach oben schauten, 

Kaum, dass sie ihren Augen trauten, 

Gewahrten sie der Beine zwei

Und einen lauten Klageschrei.

Dem Geist, so mochte es erscheinen,

schmerzte ein Balken zwischen den Beinen.

Doch rettete dieser, das sahen alle,

Das Wesen da oben vorm weiteren Falle.

Die Beine zogen sich zurück.

Der Geist verschwand. Na, welch ein Glück!

Doch hätte man, als das gescheh’n,

Auch das Gesicht vom Geist noch gern geseh’n.

Tatsache ist, dass vor zwei Jahrzehnten, als sich das ereignet hatte, angesichts der gestiegenen Heizkosten die Dachböden über den Klassenräumen in den oberen Etagen mit einer ausreichenden Wärmedämmung ausgestattet werden sollten. Das Entrollen der Isolierfasermatten gestaltete sich allerdings so einfach nicht. Den Dachboden konnte man allenfalls über einen schmalen Mittelsteg überqueren. Links und rechts davon, unter den Schrägen, war die Decke nur von dünnen Brettern abgedeckt und unterseits durch leichte Pappplatten verkleidet. Immerhin blieb den Ausführenden beim Entrollen und Ziehen der Matten unter die äußersten Dachschrägen nichts anderes übrig, als über die schmalen Deckenbalken zu balancieren. Man bedenke nur, dass die Standhöhe an den Flanken immer niedriger wird und ein aufrechtes Gehen kaum mehr möglich ist.

An jenem Morgen hörten die Schüler ständig merkwürdige Laufgeräusche über ihren Köpfen. Es verdichtete sich schnell das Gerücht, es könne vielleicht Keppels viel beschworener „Stiftsgeist“ sein, der just dort oben umgehe. Während einer Unterrichtsstunde passierte es tatsächlich, dass einer der fleißigen Handlanger auf dem Dachboden einen Fehltritt tat und sich die Decke öffnete. 

Der Sachschaden hielt sich in Grenzen. Der Personenschaden beschränkte sich nur auf einige Quetschungen, während bei den Schülern der entlarvende Abschluss der gespenstischen Aktion immerhin einen nachhaltigen Eindruck von der Realpräsenz des „Stiftsgeistes“ hinterließ.